Das "17. Juli-Geld"

eine Kindheitserinnerung und Gedanken zur Kulmbach-Bayreuth'schen Stiftung
von Wilhelm Bischoff


1. Eine Kindheitserinngerung

Dieses Wort "17.Juli-Geld" hat sich mir als Kind eingeprägt, weil, es bei uns zuhause am Kirchplatz 3 mit einem Ereignis verbunden war, das ich als etwas ganz Erstaunliches und Festliches erlebte. 

Es war immer an einem Sonntag, entweder am 17. Juli selbst, wenn dieser Tag auf einen Sonntag fiel, oder sonst auf den Sonntag, der auf den 17. Juli im Wochenverlauf folgte. Ich erinnere mich, dass mein Vater als Pfarrer und Superintendent in Weferlingen sehr mit der Vorbereitung dieser festlichen Veranstaltung beschäftigt war und dass auch meine Mutter fleißig mitwirkte. Oft fiel, wenn der große Tag nahte, bei meinen Eltern dieses Wort "17. Juli-Geld" und ich hatte das Gefühl, dass etwas ganz Besonderes und Wichtiges bevorstünde. Auch unser Kantor und Organist, Herr Kurt Rosenhahn, der war beteiligt, denn er kam am Sonnabend davor zu uns ins Haus und hatte eine Besprechung mit meinem Vater. 

Und dann war dieser besondere Sonntag im Juli da. Mitten auf dem großen Rasenplatz vor unserem Haus unter dem riesigen Apfelbaum wurde der Tisch aufgestellt, der sonst bei uns im Hausflur stand. Dazu kamen zwei Stühle, einer hinter dem Tisch und einer davor. Und ein zweiter Tisch fand seinen Platz mehr an der Seite. Uns Kindern wurde von den Eltern gesagt, dass wir nach dem Gottesdienst viele Gäste bei uns hätten, die dann von der Kirche zu uns kämen. Ich war gespannt. 

Ja, und dann kamen diese Gäste auf dem Weg, der von der Kirche herunter direkt zu unserem Grundstück führte. Feierlich wirkte das auf mich. Es waren Männer und Frauen, die ich zum Teil kannte. Heute aber sahen sie anders aus: sie hatten sich fein gemacht, waren festlich gekleidet. Die Männer hatten einen Schlips umgebunden und trugen einen dunklen Anzug, die Frauen ein dunkles Kleid. Ich kannte sonst diese Gäste nur in ihrer alltäglichen Arbeitskleidung beim Handwerk oder in der Landwirtschaft. Jetzt kamen sie, so schien es mir, in einer neuen Würde angeschritten und fast etwas verlegen. 

Auf dem Stuhl hinter dem Tisch hatte Herr Rosenhahn Platz genommen, einen Kasten auf den Tisch gestellt und Papiere daneben gelegt. Mein Vater war dazu getreten. Auf den Tisch seitwärts hatte meine Mutter zwei große Krüge gestellt, einen mit Apfelsaft und einen mit Wasser. Trinkbecher standen dabei. Die Gaste wurden eingeladen, sich zu bedienen. Wenn sie sich nicht trauten, schenkte meine Mutter ihnen ein. 

Dann trat immer einer von den Männern an den Tisch heran, an dem Herr Rosenhahn saß, und setzte sich ihm gegenüber auf den Stuhl. Mein Vater sprach ihn an, was wie eine Begrüßung oder ein Glückwunsch aussah. Es wurde etwas an dem Tisch verhandelt und unterschrieben. Dann erhob sich der Gast wieder, trat zurück und machte einem anderen Platz. Ich weiß nicht mehr, wieviele Gäste es jeweils waren, sie kamen mir aber vor wie eine große Schar. 

Vielleicht eine gute Stunde dauerte das alles. Dann verabschiedeten sich unsere Gäste. Inzwischen war es Mittagszeit geworden. Wir Kinder halfen beim Aufräumen. 


Erst sehr viel später habe ich erfahren, was da eigentlich an diesem Sonntag auf unserem Grundstück vor sich ging und was es mit diesem Wort "17. Juli-Geld" auf sich hatte. Es ging um die jährliche Auszahlung des Geldes aus der Kulmbach-Bayreuthschen Stiftung an bedürftige Einwohner aus Weferlingen. Für mich als Kind war das damals einfach so: Wir haben viele Gäste und der Anlass ist etwas Festliches. So hatten die Eltern es uns Kindern gesagt und so erlebte ich es auch. Offenbar wollten meine Eltern es vermeiden, dass die Geldempfänger in unseren Kinderaugen in irgendeiner Weise in die Rolle von ärmlichen Bittstellern kämen und bei ihrer Armut behaftet würden. Als unsere Sonntagsgäste hatten sie für uns eine menschliche Bedeutung und Ehre.

2. Gedanken zur Stiftung des Markgrafen Friedrich-Christian 

Heute bin ich froh darüber, dass ich aus dieser meiner unmittelbaren Kindheitserinnerung heraus etwas von der Praxis der Kulmbach-Bayreuthschen Stiftung weiß. Ich glaube, dass die Auszahlungspraxis des "'17. Juli-Geldes" , wie ich sie als Kind wahrgenommen habe,

auch etwas vom Geist dieser Stiftung spüren lässt. Sie war so wohltuend frei von herablassender Wohltätigkeit.

Für die Sozialgeschichte unseres Heimatortes ist diese Stiftung von Bedeutung. Der in Weferlingen am 17. Juli 1708 geborene und in der Kirche getaufte Markgraf Friedrich-Christian von Kulmbach und Bayreuth hat sie 1756 ins Leben gerufen. Es ist interessant und für die Idee der Stiftung aufschlussreich, dass sie von Anfang an sich nicht in Armenfürsorge erschöpfte, sondern gezielt dazu beitrug, das nach den Ursachen der Armut gefragt und an dieser Stelle sozialpolitisch etwas gegen Verarmung getan würde. In diesem Sinn waren die Stiftungsgelder auch dazu bestimmt, das Schulwesen in Weferlingen und in seinem kirchlichen Filialort Döhren zu fördern und an Studierende ein jährliches Stipendium zu zahlen. Was wir heute gesellschaftspolitisch für entscheidend halten, dass Bildung und Erziehung eine grundlegende sozialpolitische Bedeutung haben, das gehörte schon damals auf eine weitsichtige Weise zu den Grundideen dieser Stiftung. Es ist pädagogisch auch bemerkenswert, dass mit dem Stiftungsvermögen nicht nur der Schulunterricht selbst, sondern ebenso auch das Schulleben im Ganzen gefördert werden sollte. Am Geburtstag des Stifters, am 17. Juli, wurde ein Schulkinderfest gefeiert und finanziert. So ist es in der Satzung des Stiftung vorgesehen (§13 Stipendienfonds, §18 Schulleben, §19 Kinderfest).

Als ich 1936 in Weferlingen in die Schule kam, gab es das Schulkinderfest am 7. Jull nicht mehr. Ich vermute, dass der Hitlerstaat es beseitigt hatte, weil es den nationalsozialistischen Bildungs- und Erziehungsvorstellungen zuwider war. Eine langjährige, echte Weferlingerin, Frau Ilse Fricke, hat mir erzählt, dass sie sich an dieses Kinderfest am 17. Juli wahrend ihrer Grundschulzeit bis 1928 gut erinnern kann. Nach einem geselligen Spielprogramm und einer

festlichen Kinderkaffee-Tafel im Waldhaus Riesen bei Kegelers wanderte die große Kinderschar mit ihren Lehrern nach Weferlingen zurück, versammelte sich zum Abschluss des Festes am Denkmal des Markgrafen Friedrich-Christian am Mausoleum an der Kirche und ein Lehrer hielt eine kurze Ansprache, in der er die Verdienste des Markgrafen um Weferlingen in Erinnerung brachte und würdigte.


Der Stiftungsbeschluss des Markgrafen war eine beachtliche Entscheidung. Ich vermute, dass hierbei die Erziehung mitgewirkt hat, die er nach dem frühen Tod seines Vaters zusammen mit seinen Geschwistern durch seine Mutter, die Markgräfin Sophia Christiana, erlebt hat. Der zeitgenössische Chronist Samuel Walther schreibt von ihr im Jahre 1735: ...mit solchen Tugenden hat sie gantz Weferlingen und die Nachbarschaft erleuchtet........so bald diese Herrschaft in Weferlingen ankommen, ward Sie bewundert wegen ihrer gottseeligen Kinderzucht, Haus- und Kirchen-Andacht."

Die Markgräfin stand in einem brieflichen Austausch mit dem Theologen und Pädagogen August Hermann Francke, der 1694 in Halle die "Franckeschen Stiftungen" gegründet hatte.
Für ihre beiden jüngsten Söhne Friedrich-Ernst und Friedrich-Christian hatte die Markgräfin den Theologen Silchmüller als Hofmeister und Erzieher gewonnen, der die beiden jungen Herren auch noch während ihrer Studienzeit begleitet hat. So berichtet es ebenfalls Samuel Walther.
Silchmüller wurde danach Inspektor im Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen und kam später als Hofprediger nach Bayreuth. So blieb er also auch noch nach seiner Weferlinger Zeit in der Nähe unseres Markgrafen. Man kann, denke ich, mit Recht vermuten, dass die Kulmbach-Bayreuthsche Stiftung des Markgrafen Friedrich-Christian von den pädagogischen Ideen und von dem christlichen Frömmigkeitsgeist August Herman Franckes und des Halleschen Pietismus mitbestimmt worden ist.

Unsere Weferlinger Ortsgeschichte hat mit dieser Stiftung und ihrem Urheber durchaus eine beispielhafte Bedeutung auch für die Sozialgeschichte in Deutschland. So ist das "17. Juli-Geld" mehr als nur eine sehr lokale Episode. 

Das einst ansehnliche Stiftungskapital ist heute nicht mehr vorhanden. Die politischen Verhältnisse in den vergangenen Jahrzehnten mit Krieg, Geldentwertungen und staatlichen Systemen, die das Stiftungs-Recht in Frage stellten, haben die Stiftung ruhen lassen. Da aber zum Stiftungsvermögen auch Liegenschaften gehören, ist zu hoffen und zu wünschen, dass in absehbarer Zeit auch wieder etwas Geld zur Verfugung stenen wird, das im Sinne des Stifters, des Markgrafen Friedrich-Christian, für soziale Aufgaben in Weferlingen eingesetzt werden kann. 

Wilhelm Bischoff